Einzug des Sommers — Pfingsten in Ahlsdorf

  • Strecke: 20 km
  • Dauer: ca. 72h
  • Beschaffenheit: Straße, Feldweg, Schotter
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  • Autor(en): Pfingstexkursion 2014

»Daß der Brauch im Laufe der Zeit ein bißchen derbe Formen angenommen hat, mag wohl daran liegen, daß sein eigentlicher Sinn allmählich immer unklarer geworden ist.« So urteilte schon Neuss zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Festlichkeiten, die so wohl nur in den Dörfern des Mansfelder Grundes jährlich zu Pfingsten gefeiert werden: Das Dreckschweinfest.

Mittlerweile über die Grenzen des Tals bekannt, folgten auch wir den Berichten und Dokumentationen und machten uns von Eisleben kommend an einem heißen Freitag auf. Zu unserem Glück trafen wir gleich in einem  Lebensmittelgeschäft einen der Burschen der Pfingstgesellschaft Ahlsdorf — ein erster Kontakt der sich im Laufe der Ereignisse als hilfreich herausstellen sollte. Unsere Unterkunft befand sich im Hotel Stadt Nürnberg und damit mittendrin in den Feierlichkeiten wovon am Freitag Mittag noch wenig zu sehen war.

Trotz der hohen Temperaturen unternahmen wir am Nachmittag eine Wanderung in die nähere Umgebung von Ahlsdorf. Durch den Grund, durch den Tunnel unter der Bahnstrecke der Kanonenbahn, in ein Tal an dessen Hängen sich Kleingärten zwängten. Nach einem kurzen Aufstieg aus dem Tal heraus, stießen wir auf ein Schild, hinter Sträuchern verdeckt direkt an der Bahnlinie gelegen.

 

Zurück in Ahlsdorf trafen wir am Abend im nahegelegen Kulturhaus zum ersten Mal auf die Pfingstburschen. Sie kamen gerade aus den Wäldern zurück und begannen mit frisch geschlagenen Birken den Saal für die bevorstehenden Feierlichkeiten zu schmücken.

Am darauffolgenden Tag, dem Samstag, sollten die offiziellen beginnen. Da sich die Ortschaft Ahlsdorf in zwei Teile, das Unter- und Oberdorf teilen lässt, begannen die Burschen mit dem Maienaustragen in zwei Gruppen. Dabei handelt es sich um junge Birken, zwischen 2 und 5 Meter hoch die am Sonntag nach Ostern von den Bewohnern bestellt werden. Nach und nach zog der Tross durch die Ortschaft, vor fast jedem Haus wurde Halt gemacht, und die frische Maie aufgestellt. Dafür gab es einen Obulus der Begünstigten, meist in Form von Getränken.

So war es auch nicht verwunderlich, dass am Ende der Tour zwei, zwar extatisch aufgeladene, Gruppen im Hofe des Hotels einkehrten, doch die Gesänge und Zeremonien wollten nicht mehr so gelingen und die lachenden Gesichter erzählten von einem heißen Tag mit vielen Getränken.

Sicherlich wussten sie auch um dass, was da am Abend kommen sollte: Um 20 Uhr begann der Schürzenball im Kulturhaus. Hierfür hatten sich die Pfingstburschen ein Unterhaltungsprogramm zurechtgelegt — zwischen Playback-Parodie und Blödelei, zwischen Pop-Musik und Zeremonie.

Die jungen Burschen des Ortes veranstalteten den Tanz. Unter den Anwesenden auf dem Festgelände fielen besonders die für das jeweilige Jahr gelosten Läufer in ihrer traditionell bunten Aufmachung auf. Jung und Alt feierten zusammen und wurden im Laufe des Abends von den Pfingstburschen dazu eingeladen, in den Saal des Kulturhauses zu kommen. Dort führten die Burschen ein Programm auf, welches jeden Besucher an ein betrunkenes Männerbalett erinnerte. Es wurden verschiedene Einlagen aufgeführt, die mit liebevoll gestalteten Dekorationen untermalt wurden. Danach erfolgte der Höhepunkt des Abends, das Peitschen der Läufer, welche zum Vertreiben des Winters einläutete. Die Läufer stellten sich nacheinander auf einen von den Burschen gehaltenen Stuhl und führten dem Publikum ihr Können vor. Die Massen zählten begeistert mit während die Läufer ihre Peitschen in großen Kreisen über ihren Kopf schwingen und knallen ließen.

Selbst die jungen Besucher standen angstfrei im Raum, jedoch fielen die Touristen auf, da sie bei jedem Knall ihren Kopf einzogen, um nicht von den langen Peitschen getroffen zu werden.

 

Als wir dann am späten Abend das Festgelände verlassen wollten, sprach uns die Bekanntschaft an, die wir bei unserer Anreise im Laden getroffen hatten. »Wollt ihr mal was richtiges erleben?« wurden wir gefragt, »Dann seid morgen früh, 5.30 Uhr auch am Ortsausgang des Dorfes«. Wir stellten die Wecker und schafften es tatsächlich um besagte Zeit am vereinbarten Ort zu sein. Die Sonne ging gerade auf und um den Hänger eines alten Traktors versammelten sich nach und nach einige Bursche, viele noch in den Kostümen des Vorabends. »Wir fahren in den Wald, frische Maien schlagen und ihr kommt mit«. Der Fahrer des Traktors war wohl auf, der Rest der Gesellschaft bekämpfte den Alkoholpegel mit Fruchtbowle als wir den ersten Halt am Bahndamm erreichten. Die Kettensägen röhrten und schnell war der Anhänger mit frischem Grün bestückt.

Singend nahm die Gesellschaft wieder auf dem Hänger Platz. Es ging hinab ins Tal um in dem angrenzenden Grund ein älteres Pärchen bei Kaffee und Kuchen zu besuchen und dann die frischen Birken auf den Festplatz zu bringen.

Der Pfingstmontag in Ahlsdorf beginnt bereits am frühen Morgen auf dem Dorfplatz. Dort treffen sich die Burschen und Läufer um gemeinsam auf den Festplatz im Wald zu ziehen. Dafür nutzen sie spezielle Fahrzeuge, zu Flugzeugen umgebaute Autos und Karren jeder Couleur. Laute Knallgeräusche hallen durch den Grund, denn die Läufer lassen abermals ihre Peitschen knallen.

Langsam verlagert sich das Geschehen auf die Pfingstwiese am Brandholz.
Die kostümierten und beschwipsten Pfingsttänzer treffen dort von den Läufern angetrieben als erstes ein. Zahlreiche Kleingruppen folgen ihnen mit Picknickkörben ausgerüstet die Annaröderstraße hinauf in Richtung Waldrand. Dort werden die Pfingstgäste zur Waldpartie bereits erwartet: Auf der langgestreckten Wiese reihen sich zahlreiche bunte, selbstgebaute Spielbuden, ein Ausschank und ein Bratwurststand aneinander. Ein Flugzeug der Lusthansa – ein umgestalteter Anhänger, der von einem VW-Golf gezogen wird – füllt sich immer wieder mit neuen Gästen und zieht seine Bahnen den Waldweg hoch und runter. Wiederholt wird die Bahn jedoch für die jüngsten Läufer freigegeben, die ihre Peitschen bereits gekonnt knallen lassen. Pfingstburschen können sie dennoch erst im Alter von 18 Jahren werden – So will es der Brauch.

Und jetzt kommt es auch zum berühmten Bad im Schlamm. Die Tänzer werden von den bunt gekleideten Läufern und ihren Peitschen in Schlammgruben getrieben bis sie ganz darin versunken sind.

In der Mittagshitze des Pfingstmontags werden die Pfingsttänzer von der Pfingstwiese den Berg hinab durch den Wald zum Ahlsdorfer Fischteich getrieben. Das Bad im Teich gehört zu den Höhenpunkten der Festlichkeiten und wird zum Spektakel: Trockeneisschwaden ziehen über das Gewässer, ein Bursche nach dem anderen landet im feuchten Nass und das Wasser für die Fische wird immer knapper und trüber. Inmitten des Tümpels dient eine Überlauftonne den Burschen als Anlaufpunkt. Einer der Burschen stellt sich auf die Tonne und lässt die Peitsche knallend kreisen, während sich zahlreiche weitere Burschen auf die Tonne setzen, oder sich weiter unten an ihr festklammern und wegducken. Auch die Schaulustigen am nahegelegenen Ufer werden nicht verschont. Immer wieder fliegt Matsch in die Menge und einzelne müssen den Burschen unfreiwillig ins schlammige Gewässer folgen. Aus sicherem Abstand lässt sich das Treiben hingegen vom Vereinsheim aus beobachten. Dort ist inzwischen auch der Spielmannszug Großörner eingetroffen und reiht sich in die Schlange der Durstigen am Ausschank ein.

Nach dem Bad im Fischteich versammelt sich die Gesellschaft wieder auf dem Festplatz im Dorf. Für uns heißt es zu diesem Zeitpunkt Abschied zu nehmen und mit den Fahrrädern in ca. 30 Minuten zurück zum Bahnhof nach Eisleben zu fahren.