Harke-, Alte-, und Stangerode

  • Strecke: 36.7 km
  • Dauer: ca. 15h
  • Beschaffenheit: Schotterweg, Feldweg, Straße
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Der erste Tag unseres herbstlichen Luther-Trips beginnt am Hauptbahnhof Halle. Von dort nehmen wir den Zug nach Eisleben, um mit dem Bus nach Hettstedt zu fahren. Während wir uns im Stadtkern orientieren, um die Wanderroute nach Wiederstedt festzulegen, treffen wir auf dem Marktplatz auf original Mansfelder „Jecke“, die den Beginn des Karnevals mit einem Faschingsumzug inklusive Konfettikanone feiern.

Nachdem sich der Bürgermeister der Stadt Hettstedt mit feierlicher Geste den Karnevalsfreunden ergibt und einen aus Brotteig gebackenen Stadtschlüssel überreicht, machen wir uns auf den Weg in Richtung des Tals der heiligen Reiser (Teil des Geoparks).   Wir passieren den sogenannten Zuckerhut. Der Turm wurde 1434 erbaut, er hat seinen Namen von dem keilförmigen Aufsatz, der den Verteidigern der Stadt als Rückenschutz diente. 

Beeindruckt von den offen liegenden Gesteinsbrocken, steigen wir an Bahnschienen und Waldrand entlang die Hänge in nördlicher Richtung empor. Nach kurzer Zeit erreichen wir das Gelände der ehemaligen Saigerhütte, laufen hinter ihm vorbei und erreichen nach etwa 30 Minuten Kleingärten, die sich an der Rückseite einer weitläufigen Parkanlage befinden.

An einem Ententeich mit kleinem Bachlauf angekommen, sehen wir, dass es bereits das Gelände des Novalis-Schloss und -Museums ist, welches wir in Wiederstedt besuchen wollen. Bevor wir jedoch die Führung durch das Museum und die Antikensammlung antreten, besuchen wir die Rassegeflügelschau im umgebauten Anbau der Novalis-Taufkirche. Unsere Hoffnung auf spannende architektonische Eindrücke wird jedoch nicht erfüllt, die Decke ist abgehangen. Stattdessen verstellen in Reihen übereinander gestapelte Käfige voller Tauben, Hühner, Enten und Gänse die Sicht auf den Raum. Nach einem kurzen Mittagessen besuchen wir das Geburtshaus des romantischen Schriftstellers Novalis und lassen uns dabei seine verschiedenen Bezüge zur Antike erklären. Im Anschluss laufen wir weiter, durch den Ort Wiederstedt in Richtung Walbeck.

Unterbrochen wird unsere Wanderung von dem spontanen Besuch der örtlichen Bäckerei Hannig, deren Bäckerin uns auf herzlichste empfängt und mit Kuchen verköstigt, der nach altem Familienrezept hergestellt wird. Hinter dem kleinen Verkaufsraum schließt die Backstube an, welche wir kurz besichtigen dürfen. In der Weihnachtszeit backen hier die Kinder des Dorfs Plätzchen. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sprechen wir über das Leben im Mansfelder Land, Backtradition und unseren nächsten Besuch. Da uns immer noch knapp vier Kilometer von unserer Unterkunft trennen, verabschieden wir uns recht bald und machen uns in kühler Dämmerung auf den Weg zum Planteurhaus in Walbeck. Unsere Route führt uns auf ebenem Gelände am Ölgrundbach und seinem Fischteich vorbei, durch Waldstücke zur hell erleuchteten Pilgerherberge. Es ist bereits dunkel, als wir bei heisser Gemüsesuppe die Wanderroute für den kommenden Tag planen.

Für den zweiten Tag unserer Tour ist zunächst die Erkundung der Schalkenburg bei Quenstedt und Arnstedt vorgesehen. Dazu laufen wir von Walbeck in nördlicher Richtung über Pfersdorf an Sportfischteichen vorbei. Die Sicht wird durch Nebel verdeckt, das Wetter ist nass und trübe. Über einen matschigen Feldweg nähern wir uns einem stark mit Büschen bewachsenen Hügelplateau, welches eine neolithische Kreisgrabanlage sein soll, die in den 1967 bis 1986 Jahren von Wissenschaftlern des Landesmuseums für Früh- und Vorgeschichte in Halle untersucht und ausgegraben wurde. 

Heute finden wir dort nur eine Infotafel und eine stark bewachsene Fläche. Etwas enttäuscht setzen wir unsere Wanderung fort. Ziel ist der Ort Harkerode mit seiner Burgruine Arnstein. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir Sylda. Im Ortskern, vor der Gemeindeverwaltung, entdecken wir einen Stein, welcher mit einer metallenen Plakette das Andenken an einen lokalen Helden sichert. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebte der Wilderer Johann Gottfried Gangloff, welcher sich aufgrund seines Geschicks erfolgreich gegen die Obrigkeiten durchsetzte und sich dabei über sie lustig machte. Aufgrund seines Wilddiebstahls und eines Mordverdachts wurde ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, welches dazu führte, dass er 1837 angeschossen und inhaftiert wurde. Im gleichen Jahr verstarb er im Gefängnis Sangerhausen und wurde so, auch über seine Lebzeiten hinaus, zur Legende.Hinter dem kleinen Ort Sylda, laufen wir entlang der Landstraße L 227 Richtung Harkerode. Dort wollen wir eine kurze Mittagspause machen und die verschiedenen Sehenswürdigkeiten des Ortes besuchen. Am Parkplatz eines leer stehenden Supermarkts treffen wir auf die ehemalige Bürgermeisterin, welche sich über sieben Jahre um die Dorfinteressen bemühte. 

Spontan nimmt sie uns auf ihren täglichen Spaziergang durch Ort und Umgebung mit. Zunächst führt sie uns zu den Mausoleen der Familie von Knigge unterhalb und gegenüber der Burgruine Arnstein. Die Familie von Knigge war ein altes verarmtes Adelsgeschlecht, welches in der Gegend um Harkerode sehr einflussreich war. Auf Adolph Freiherr Knigge ist der heute noch viel zitierte „Knigge“ zurückzuführen, welcher aber ursprünglich nicht als „Benimmbuch“, sondern als Aufklärungsschrift, als Ratgeber für Taktgefühl zwischen Generationen und Berufsständen verstanden werden sollte.

Auf unserem weiteren Weg entdecken wir einen alten Bierkeller oder Lagerschacht, dessen Eingangstor aufgebrochen ist. Etwa 30 Meter führt der breite Gang in den Berg hinein, ein senkrecht nach oben führender Schacht mit Lichteinfall deutet auf Nutzung als „Aufzug“ hin. Unsere Begleiterin berichtet von dem Mythos, dass dieser Schacht einmal bis nach Mansfeld reichte.

Nach der gemeinsamen Besichtigung des zweiten Mausoleums im Wald, setzen wir unsere Wanderung allein fort. Wir wollen Knigges Schloss besuchen, welches heute als privates Kinderheim dient. Da uns der Eintritt verwehrt wird, suchen wir unser nächstes Ziel: die die Johanniskirche in Harkerode, eine Schinkelkirche, nach deren standardisierter Vorlage wohl noch etwa 70 weitere Kirchen in Deutschland gebaut wurden.

Dort erleben wir wieder eine zufällige und erfreuliche Begegnung: Frau Busch, Mitarbeiterin der Gemeinde, bereitet den Kirchenraum für den Gottesdienst vor. Wir dürfen den gesamten Raum und den Glockenturm besichtigen und erhalten eine Einladung zum Kaffeetrinken in ihrem Privathaus. Dieses liegt praktischerweise gleich unterhalb der Burgruine, welche unser letztes Ziel an diesem Tag ist. 

Unser Aufstieg zur Burg Arnstein erfolgt bei Sonnenuntergang. Ganz romantisch und im Sinne Novalis’, erreichen wir im Licht der blauen Stunde den Burghof und geniessen die Aussicht. Für unseren Weg zurück zum Planteurhaus, wählen wir eine Route, die hinter der Ruine beginnt und über Feldwege zurück nach Sylda führt. Nur kurz laufen wir durch den Ort, vorbei an der Raststätte „Zur Sonne“, unter Vermeidung der Landstraße. Wieder geht es über dunkle Feldwege, durch einen Tunnel unterhalb der B180. Mit Taschenlampen ausgestattet leuchten wir uns die letzten Meter nach Walbeck. In der Dämmerung entdecken wir zunächst die Turmspitzen Schloss Walbecks und dann den Haupteingang des Tierparks Walbeck. Auf Walbeck wird derweil St. Martin mit einem Laternenfest gefeiert. Neben festlicher Ansprache und Musik gibt es einen Süßigkeitenstand, ein Karussell, Punch und Bier. Wir gesellen uns zur Dorfgemeinschaft und beenden den erlebnisreichen Tag mit warmen Getränken.

Der dritte und letzte Tag startet mit einem klaren und sonnigen Morgen am Planteurhaus. Der Teich ist gefroren und Frau Alfter sorgt sich um ihren Schwan. Ziel des heutigen Trips ist die Burg Freckleben, etwa 11,7 km entfernt.Die Route geht über Quenstedt und Arnstedt. Wir haben einen Termin mit Frau Rockmann, sie will uns eine Führung geben auf dem Burggelände. Und so geht es recht zügig meist über schnurgerade Feldwege gen Norden nach Quenstedt, wo wir aber nicht lange verweilen können, um dann ostwärts über offenes, windiges Gelände zu stiefeln. Auf halber Strecke kommen wir an Arnstedt vorbei. Schenken dem Dorf nur marginal Beachtung und bewegen uns weiter bis Freckleben.

Kurz vor der Burganlage Freckleben begegnet uns ein roter Opel und die Dame des Heimatvereins Freckleben e.V., mit der wir verabredet sind, gibt sich zu erkennen. Frau Rockmann erweist sich als sehr liebenswert und auskunftsfreudig. Da sie später noch einer Andacht mit Kranzniederlegung beiwohnt, bleibt nicht viel Zeit und so steigen wir in den Turm der Burg. Das besondere an diesem Turm ist sein Inneres, denn der Weg nach oben führt über mehrere Ebenen, die mit Leitern verbunden sind. Vorbei an Taubenbeschlägen und kleinen Fenstern. Ab der Mitte wird es abenteuerlich, zumindest ein wenig. Ab jetzt geht es auf sogenannten Drehspindelleitern nach oben. Drehspindelleitern sind eine Rarität. Sie bestehen aus einem rotierbaren Mittelstamm, an dem lange Spindelsprossen angebracht sind. An dessen Innenseiten klettern wir nun vorsichtig zur nächsten Luke.

Die Leitern dienen ebenfalls als Zugang für die unzähligen Taubennistplätze, die sich wie Regale ringsherum an den Innenwänden auftürmen. Tauben sind allerdings keine da. In der Spitze des Turms machen wir Fotos, sprechen mit Frau Rockmann über die Beschaffenheit des Dachs und müssen dann auch schon weiter. Kranzniederlegung in der Kirche, wir sollen mit. Wir fühlen uns ein bisschen wie Falschgeld, die Andacht ist aber wider Erwarten durchaus gut. Es geht um verjährte und aktuelle Kriege und Zerfallserscheinungen der Demokratie. Wir finden erstaunlich, mit welchem Selbstverständnis uns Frau Rockmann zu dieser Veranstaltung mitnimmt. Leider verlassen wir die Kirche vorzeitig, unser Zug fährt sehr bald. Und so hasten wir los zum Bahnhof, wo uns bald darauf ein Zug zurück nach Halle nimmt.